Arbeitskreis 8. Mai des BDWO e.V.
  • Aktuelles
  • Wir über uns
  • Erzählungen
  • Gedenken und Erinnern
  • Bersarin
  • Wort halten
  • BDWO e.V.
  • Kontakt
  • Aktuelles
  • Wir über uns
  • Erzählungen
  • Gedenken und Erinnern
  • Bersarin
  • Wort halten
  • BDWO e.V.
  • Kontakt

Wort halten

Geschichte getilgt. Der sowjetische Friedhof auf dem Barlach-Platz in Demmin

23/3/2025

0 Kommentare

 
Ein Teil des Barlach-Platzes: eingegrenzt von einer Hainbuchen-Hecke, durchschnitten von Wegen, die auf eine weiße Stele zulaufen. Sie fällt ins Auge. An ihrem Fuß, schräg angehoben, dunkle Steinplatten, eine mit der Formel „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“. Auf den Rasenflächen vertieft eingelassen Granitplatten mit Sowjetstern, auf den ersten Blick eher zu übersehen – das ist der sowjetische Friedhof in Demmin heute.
1948 angelegt, 1977 erstmals überformt, im November 1994 oberirdisch abgerissen und am 6. Mai 1995 der Öffentlichkeit übergeben als Platz für ein von historischen Bezügen losgelöstes Gedenken und ungeachtet der Tatsache, dass die Erde unter ihm nach wie vor die Gräber mit den Gebeinen von 102 sowjetischen Kriegstoten birgt. Kam nicht einmal ihre Umbettung in Frage, wie sie bei der Räumung der sowjetischen Friedhöfe an zentralen Plätzen in Neustrelitz und in Malchow nach 1990 erfolgte?
Bild
Kriegsgräberstätte auf dem Barlach-Platz | Foto: Hans Clemens, 2018
Das am 30. April 1995 von der Stadt veranstaltete Kolloquium zum Kriegsende in Demmin 1945 war ein erstes öffentliches Angebot, vor Ort über die Selbsttötungen in jenen Tagen unter den Einwohnern von Demmin und den Flüchtlingen in der Stadt zu sprechen, nach deren politischer Tabuisierung in der DDR. Und es war zusammen mit dem Abriss des Obelisken und der Freigabe des sowjetischen Friedhofs zu einem Gedenkplatz „für die Toten der Roten Armee und alle anderen Opfer und Kriegstoten“¹  eine Ankündigung, dass fortan die Selbsttötungen am Kriegsende ein Fixpunkt sein werden bei der Neuausrichtung des öffentlichen Gedenkens durch die Kommunalpolitik.
Ab 2006 nahm die NPD die Selbsttötungen in Demmin politisch in Beschlag und marschierte jährlich am 8. Mai „Gegen Vergeben und Vergessen“ in der Stadt auf, mittlerweile abgelöst von anderen Rechtsextremisten. In den herausgehobenen Gedenkjahren an das Ende des Zweiten Weltkrieges 1995 und 2005 waren die Selbsttötungen in Demmin Thema in großen überregionalen Zeitungen, Fernseh- und Rundfunksendern. Am Anfang stand ein Fernsehbeitrag des Politmagazins der ARD, der am 1. August 1994 im Kontext mit dem Abzug der letzten russischen Truppen aus Deutschland ausgestrahlt wurde. Für die mediale Aufmerksamkeit hatte nicht zuletzt die Annahme von mehr als 1.000 Toten gesorgt, die mit den von Norbert Buske dokumentierten Erinnerungsberichten an das Kriegsende 1945 in Demmin öffentlich wurde.²  Die Zahl war ohne prüfbare Quellenbasis aufgestellt worden und die Betrachtung des Geschehens einseitig. Gründe und Anlässe für Selbsttötungen sah Buske allein im Auftreten der Roten Armee, in Vergewaltigung, Plünderung und Willkür. Er brachte sie nicht in Verbindung mit dem Rassenwahn des Nationalsozialismus und dem darüber in der Gesellschaft hergestellten „weitgehenden Konsens, dass Selbsttötungen eine adäquate Reaktion auf den Einmarsch der Roten Armee bzw. auf Vergewaltigungen darstellen“.³
 
Diese Konstellationen vor Ort, die Publikationen zu den Selbsttötungen am Kriegsende in Demmin und deren mediale Vermarktung bewegten das Demminer Regionalmuseum – 2010 vereinsgetragen angetreten als Nachfolger des einstigen Kreisheimatmuseums Demmin – bis zu seiner Schließung 2015. Es mischte sich mit seinen Mitteln in den Umgang mit diesem Stück Geschichte vor Ort ein, recherchierte zu den Demminer Selbsttötungen am Kriegsende in den Sterbebüchern des Standesamtes und den Begräbnislisten des Friedhofs, zur Entstehung, Belegung und Umformung des sowjetischen Friedhofs sowie zum beschwiegenen Massengrab sowjetischer Kriegsgefangener in Demmin-Woldeforst, machte die Ergebnisse der Recherchen in Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen öffentlich.⁴
Die Quellen und Befunde zur Geschichte des sowjetischen Friedhofs sollen hier vorgestellt werden. Auskunft über seine Entstehung und erste Gestalt gaben vor allem die Akten der Bauverwaltung im Kreisarchiv Demmin. 
Bild
Sowjetischer Friedhof auf dem Wilhelm-Pieck-Platz 1950 (heute Ernst-Barlach-Platz) | Fotograf unbekannt, Quelle: Kreisarchiv Demmin, Akte 3243
Der sowjetische Friedhof ursprünglich
Auf Befehl des Chefs der sowjetischen Kreiskommandantur in Demmin wurde der „Ehrenfriedhof der Gefallenen der Roten Armee“ zwischen dem 15. März und 1. Mai 1948 errichtet, auf dem Platz, der bis 1945 Kaiser Wilhelm gewidmet war. Die sowjetische Militäradministration in Schwerin hatte 60.500 RM bereitgestellt, entsprechend des Kostenvoranschlags des Demminer Architekten Jochen Bauckmeier. Auf die Fundamente des Kaiserdenkmals kam der Obelisk mit dem roten Stern, 22 Meter hoch, aus Ziegelsteinen gemauert, dann verputzt. (Der Sockel des Kaiserdenkmals war bereits 1946 abgenommen und beim Bau des Denkmals für die Opfer des Faschismus wiederverwendet worden; die übermannshohe Kaiserstatue hatte die Stadt 1944 für den „totalen Krieg“ einschmelzen lassen.) An den Bauarbeiten waren etliche Demminer Firmen beteiligt, u.a. die Bauunternehmen Helwig, Settgast und Bollhagen sowie die städtische Bauhütte. Es wurde durchgehend in vier Schichten gearbeitet, um den Termin zu schaffen. 102 sowjetische Kriegstote erhielten hier ihr zweites Grab. 81 unbekannte und 21 bekannte, umgebettet vom ersten sowjetischen Friedhof in Demmin an der Nordseite der Bartholomaei-Kirche, von den Städten Altentreptow und Jarmen sowie von 18 Dörfern des Kreises. Die gesichteten Unterlagen im Kreisarchiv Demmin weisen Einzelgräber aus. Die Grabsteine der Identifizierten trugen Namen, Dienstgrade, Geburts- und Sterbedaten. Auch die Namenlosen hatten Grabsteine, auf denen wiederkehrend stand: „Familienname nicht feststellbar, umgekommen im Kampf in deutscher Gefangenschaft während des Krieges 1941-1945“.
Bild
Gedenken auf dem sowjetischen Friedhof, 1950er Jahre | Fotograf: unbekannt, Quelle: Bestand ehemaliges Kreisheimatmuseum Demmin
Erste Überformung
Die Gräbereinfassungen und Grabsteine, die schmalen, erdigen Wege mussten 1977 einem Betonkarree vor dem Obelisken weichen. Entlang seiner Längsseiten wurden flache Granitplatten aufgereiht. Die stehenden waren den identifizierten Toten zugedacht und trugen deren Namen. Die liegenden galten den Nichtidentifizierten. In sie eingraviert war nur der Sowjetstern und nicht mehr die einstige Widmung. Die Einhaltung der ursprünglichen Gräberanordnung, die Bewahrung der alten Grabsteininschrift für die Namenlosen, „umgekommen im Kampf in deutscher Gefangenschaft ...“, wie überhaupt die Erhaltung des Friedhofscharakters spielten keine Rolle. Der „Ehrenfriedhof“ war ab nun „Ehrenhain für die gefallenen Sowjetsoldaten“ und bot – so befestigt – ausreichend Platz für die in der DDR typischen Gedenkrituale mit betrieblichen „Kranzdelegationen“ und Appellen der zahlreichen Organisationen. 
Bild
Bild
Sowjetischer Friedhof nach der Umgestaltung im Jahre 1977, fotografiert 1994 |Fotografin: Ulrike Zabel | Dokumentation der unteren Denkmalbehörde, LK Mecklenburgische Seenplatte
Ab 1949 waren die von der sowjetischen Militäradministration in Ostdeutschland angelegten Friedhöfe in die Verantwortung der Kommunen übergegangen. Ab wann der Demminer von der Stadt verwaltet wurde, ist eine offene Frage geblieben, ebenso wie der konkrete Auslöser für seine erste Umformung. Es kann hier nur auf einen Kontext hingewiesen werden.  In den 1970er Jahren strebte die DDR verstärkt nach völkerrechtlicher sowie internationaler Anerkennung, u.a. trat sie der Resolution 23 der XX. Internationalen Rot-Kreuz-Konferenz und dem III. Genfer Abkommen vom 12.8.1949 bei. Daraus resultierte der Beschluss des Ministerrats der DDR vom 31.7.1971 über die Behandlung von Gräbern Gefallener und ausländischer Zivilpersonen. Ihm folgten entsprechende Anweisungen zur Erfassung der Namen dieser Bestatteten und des Zustandes ihrer Gräber. Damit forderte der Staat erstmals Aufmerksamkeit gegenüber den Gräbern dieser Kriegstoten von den Kommunen sowie deren Kontrolle und Pflege.           
 
Zweite Überformung
Der Abriss des Obelisken im Jahr 1994 leitete die Überformung des sowjetischen Friedhofs zu einem Gedenkplatz für die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ ein – im Rahmen seiner Einrichtung als Kriegsgräberstätte. Seit 1991 hatten die Stadt und die Mehrheit des städtischen Parlaments dieses Ziel verfolgt. Am 22. März 1994 hatte der Demminer Bürgermeister das Vorhaben Vertretern des Innenministeriums, der Kriegsgräberfürsorge und der Denkmalschutzbehörde des Landes vor Ort erläutert, und diese hatten ihre Unterstützung zugesagt. Unter der Überschrift „Die Tage des Obelisken mit dem Roten Stern sind gezählt“, berichtete die Demminer Zeitung davon.⁵ Seit dem 16. Dezember 1992 lag das Abkommen zwischen den Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation über Kriegsgräberfürsorge in Deutschland und in Russland zur Erhaltung und Pflege russischer Kriegsgräber in Deutschland vor. Es trat am 21. Juli 1994 in Kraft. (Die letzten russischen Truppen wurden aus Deutschland am 31. August 1994 verabschiedet.) Am 2. Juni 1994 hatte es einen Vororttermin mit dem Vertreter der Kriegsgräberfürsorge der GUS-Streitkräfte, Major Oleg Jurijewitsch Starkow, gegeben, „mehrstündige Verhandlungen im Rathaus“ und die Zustimmung der russischen Seite, so die Meldung der Zeitung.⁶ Wusste der russische Vertreter zu diesem Zeitpunkt um die konkrete Form der Umgestaltung und den geplanten Abriss des Obelisken? Am 20. August 1994 stellte der Landschaftsarchitekt Stefan Pulkenat seine Entwürfe für die neue Kriegsgräberstätte auf dem Barlach-Platz der Öffentlichkeit vor, und am 11. Oktober beantragte die Stadt den Abriss des Obelisken bei der unteren Denkmalbehörde des Kreises Demmin. Die Genehmigung dafür erhielt sie in ungewohnt kurzer Frist, am 7. November.⁷ Am 22. November erfolgte der Abriss des Obelisken. Am 3. Dezember kritisierten Kreisvorstand und Kreistagsfraktion der PDS in einem offenen Brief den Abriss als Verstoß gegen die bestehende Denkmalschutzliste des Landes.⁸
Bild
Bild
Abriss des Obelisken im November 1994 | Fotograf: Rudi Jäger, Demmin, Bestand ehemaliges Kreisheimatmuseum Demmin
Vorentwurf der Neufassung 1994
Der Landschaftsarchitekt Stefan Pulkenat legte der Stadt zwei Varianten für die neue Kriegsgräberstätte vor. Beide sahen die Rückkehr aller Grabsteinplatten vor, die bei der ersten Überformung des sowjetischen Friedhofs 1977 aufgestellt worden waren, also der mit Namen wie der mit Sowjetstern. Der erste Entwurf unterschied sich vom zweiten dadurch, dass er auf einen symbolisch aufgeladenen Gedenkstein verzichtete und stattdessen eine Birke als Fluchtpunkt wählte, auf die hin die Platten ausgerichtet waren. Steine für Inschriften zum Gedenken sollten flach in den Weg gelegt werden. War das ein Vorschlag in der Annahme, so die originäre Widmung des Ortes als sowjetischen Friedhof nicht gänzlich zu übergehen? Die Stadt entschied sich aber für den zweiten Entwurf, für den mit exponiertem Gedenkstein: eine helle Stele umgeben von dunklen Granitplatten, eine Arbeit des Bildhauers Günter Kaden. Bei der Ausführung des Entwurfs wurden nicht – wie vorgeschlagen – alle Grabsteinplatten verlegt, sondern nur die der Namenlosen, also jene mit Sowjetstern. Eine Tafel informierte, dass das „Denkmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten“ im Einvernehmen mit der russischen Seite „umgestaltet“ wurde. Sie war auf einem Findling angebracht. Der lag zunächst neben der Stele und später außerhalb des Platzes.       
Bild
Ausschnitt Vorentwurf für die Neufassung des sowjetischen | Friedhofs vom Juli 1994 Bauamt der Stadt Demmin
​Zur Belegung des Friedhofs
Der Belegungsplan des sowjetischen Friedhofs in Demmin stammt aus der Dokumentation der unteren Denkmalsbehörde beim Landkreis Mecklenburgische Seeplatte. Die belegten Gräber sind mit durchgehender Linie gezeichnet, die Orte von woher die Toten umgebettet wurden, durch farbige Schattierung, z.T. auch durch Eintragung in die Gräber benannt.
Bild
Die 1992 von russischer Seite in Vorbereitung des Abzugs ihrer Truppen erstellte Dokumentation sowjetischer Friedhöfe in Deutschland zeigt den Demminer Friedhof in seiner Form von 1977, gibt 102 Tote an und weist davon 21 Identifizierte aus, mit Namen, Dienstgrad, Geburts- und Sterbedatum: 20 Militärs und 1 Kind.⁹ Die Sterbedaten der Rotarmisten zeigen an, dass es sich sowohl um Gefallene als auch um im ersten Nachkriegsjahr Verstorbene handelt. Das Kind starb 1947. Sein Geburtsjahr wird in dieser Dokumentation mit 1944 angegeben. In einer deutschen Aufstellung der Grabinschiften des sowjetischen Friedhofs vom 11. Februar 1975, die im Archiv der Demminer Stadtverwaltung liegt, lautet die zum Kind: „Anna Leonidowa Starikowa. 23. Juli 1946 - 23. Januar 1947. Zum stillen Gedenken unserer lieben unvergessenen Tochter Papa und Mama“.   
Die Akte zur baulichen Entstehung des sowjetischen Friedhofs im Kreisarchiv Demmin enthält auch Listen über „Gräber für die Gefallenen der Roten Armee im Kreis Demmin“, erstellt von der deutschen Kreisverwaltung zwischen Februar und April 1948 mit Blick auf die Errichtung des sowjetischen Friedhofs. Sie verzeichnen die Zahl der Toten unterschieden nach „Name bekannt / unbekannt“ für einzelne Orte und den Zustand ihrer Gräber. Sie fragen nicht, ob es sich bei den Toten um gefallene Rotarmisten, Kriegsgefangene oder zivile Zwangsarbeiter/innen handelt, auch nicht nach der Nationalität. Nur beim Dorf Meesiger steht ungefragt in einer Liste: „5 Tote und 1 poln.“. In einer anderen, die Bearbeitungsvermerke trägt, ist „1 poln.“ durchgestrichen. (Es sind auch nur fünf Gräber für Meesiger in dem Belegungsplan des Friedhofes eingezeichnet.) Außer diesen Listen liegen in der Akte noch einige Schreiben zur Begleichung der Kosten für Särge und/oder Umbettungen von „russischen Toten“, die das Stadtbauamt Demmin am 8.9.1948 an die Städte und Gemeinden im Kreis schickte, aus denen Überführungen nach Demmin vorgenommen wurden, u.a. an die Gemeinde Kletzin. Von dort wurden drei Tote überführt. Drei Gräber sind für Kletzin in dem Belegungsplan eingezeichnet. Der Bürgermeister hatte im Rahmen der Listenerfassung der Toten am 29.3.1948 nach Demmin berichtet: drei Tote in einem Grab, Namen unbekannt, Grabstelle nicht eingefallen, da wiederholt ausgebessert, gesichert durch Holzeinfassung.    
Wer diese drei Toten in Kletzin waren, ließ sich feststellen: die sowjetischen Kriegsgefangenen Wassilij Smjetanin, Wassilij Schalachow und Pawel Astachow aus dem Stammlager II A in Neubrandenburg, eingesetzt ab Oktober bzw. November 1941 im Arbeitskommando S. L. Kiesberg Langenhagen II B 206, „flüchtig“ ab 9. August 1942. Am 17. September 1942 wurden sie im „Walde Kletzin Kreis Demmin“ erschossen und begraben.
Bild
Bild
Wassilij Smjetanin links, Wassilij Schalachow rechts
Bild
Außenblatt der Personalkarte I von Pawel Astachow mit dem Vermerk unten: „Wurde am 17.9.1942 im Walde Kletzin Kreis Demmin auf der Flucht erschossen. Beerdigt im Walde südöstlich Kletzin (Kreis Demmin)“
Erfassungsfotos und Angaben sind den Personalkarten der drei entnommen. Mit solchen Karten registrierte die Wehrmacht sowjetische Kriegsgefangene, wenn sie die speziell für sie vorgesehenen „Russenlager“ oder die Kriegsgefangenen-Stammlager in Deutschland erreicht hatten. Aus digitalen Kopien dieser Dokumente hatte die Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten Dresden ab 1999 eine Datenbank über in Deutschland umgekommene sowjetische Kriegsgefangene aufgebaut.¹⁰ Sie konnte nach Personen und nach Orten abgefragt werden. Die nutzten wir 2012 auf der Suche nach den Namen der in der Munitionsanstalt Demmin-Woldeforst umgekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen. Wir erhielten nicht nur die von uns nachgefragte „vorläufige Totenliste Demmin-Woldeforst“ mit den zu den Toten gehörigen Personalkarten. Von sich aus schickte der Kollege aus Dresden jene der drei im Wald von Kletzin Erschossenen sowie die Personalkarten zweier sowjetischer Kriegsgefangener, die im Einsatz auf dem Fliegerhorst Tutow umgekommen waren. Im Falle von Tutow, ein Ort aus dem ebenfalls Umbettungen nach Demmin erfolgten und der in der Belegungskarte verzeichnet ist, handelt es sich um Iwan Ponomarew, geboren 1908, ab 11. August 1941 in Tutow im Kriegsgefangenen-Arbeitskommando VIII / 41, gestorben am 29. März 1942 an „Herzmuskelschwäche“, begraben in der „südöstlichen Ecke des Gemeindefriedhofs Tutow“ am 1.4.1942 sowie um Nikolai Rogatschow, geboren am 1. Mai 1922, ab 4. September 1941 im selben Arbeitskommando, gestorben am 24. Januar 1943.¹¹      
Bei den drei im Wald von Kletzin erschossenen Kriegsgefangenen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie zu den vielen Namenlosen auf dem Friedhof gehören. Wenn sie hier zusammen mit ihren zwei Schicksalsgenossen aus Tutow benannt werden, geht es nicht um Identifizierungsmöglichkeiten, sondern um Ansatzmöglickeiten, speziell auch dem Einsatz und Schicksal von sowjetischen Kriegsgefangenen vor Ort nachzuspüren, ob nun verknüpft oder nicht verknüpft mit Fragen zur Geschichte eines sowjetischen Friedhofs.   
 
Vom Platz geschoben
Der ursprüngliche sowjetische Friedhof in Demmin machte die dort beerdigten Kriegsgefangenen kenntlich. Mehr noch: Er holte sie mit der Grabsteininschrift „Familienname nicht feststellbar, umgekommen im Kampf in deutscher Kriegsgefangenschaft während des Krieges 1941 - 1945“ zurück in die Reihen der Kämpfer. Stalins Befehl Nr. 270 vom 16.8.1941 hatte Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft geraten oder gegangen waren, zu Deserteuren erklärt. Zwar wurde den Soldaten unter ihnen nach dem Krieg „verziehen“ und gab es 1945 und 1955 Amnestien. Aber ihre Rehabilitierung und Anerkennung als Kriegsteilnehmer erfolgte erst 1995 mit einem Erlass Jelzins. Die Ausgrenzung, die sie erfahren hatten, zeigt sich auch auf den Friedhöfen, die die sowjetische Militäradministration in den Städten Ostdeutschlands anlegen ließ. Sie gedachten in der Regel der für die Heimat gefallenen Soldaten und verschwiegen die Kriegsgefangenen unter ihnen, wenn sie neben diesen begraben waren, wie eine Publikation über Grabstätten sowjetischer Kriegsopfer in Deutschland von 2016 zeigt.¹² Die Generalisierung mag zutreffen, im konkreten Einzelfall, hier Demmin, kann die Frage nach der Ursprünglichkeit des vorgefundenen Friedhofs eine andere Antwort geben. 
In Demmin verschwand die Kennzeichnung der Kriegsgefangenen unter den Toten erst bei der ersten Umformung des sowjetischen Friedhofs 1977, als die neuen Grabsteine für die Namenlosen nur noch den Sowjetstern trugen. Der übliche sowjetische Gedenkkanon wurde hier also erst durch die lokalen Vertreter des DDR-Staates vollständig eingeführt. Bei der zweiten Umformung 1995 wurde der Obelisk mit dem roten Stern abgerissen. Vom vermeintlich Alten ließen die Initiatoren lediglich die Granitplatten mit Sowjetstern zu, nicht mehr die mit Namen. So übernahmen sie aus DDR-Zeiten die Löschung der Erinnerung an die Kriegsgefangenen und kappten zudem die letzte Erinnerung an die, die einen Namen hatten. 
„Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ sollte fortan gedacht werden – auf dem Boden, unter dem sowjetische Kriegstote liegen, scheinbar ohne Recht auf einen eigenen, ihnen vorbehaltenen Erinnerungsort bzw. die Achtung ihrer Gräberstätte als einen solchen. Das erschien den Protagonisten dieser Umformung damals mehr als politisch korrekt angesichts der Selbsttötungen von Deutschen bei und nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee.
Nach der Errichtung der Kriegsgräberstätte in Demmin-Woldeforst 2017, die die Namen von bisher 124 bekannten sowjetischen Kriegsgefangenen aufführt und bei deren Einweihung Familienangehörige eines der genannten Toten aus der Ukraine sowie Vertreter der russischen Botschaft und deren Büro für Kriegsgräberfürsorge anwesend waren, schien die schon länger öffentlich geforderte Rückkehr der Namen auf den Barlach-Platz durch die Stadt akzeptiert. Aber ihre Aktivitäten in dieser Richtung machten die Sache nicht besser: Der schon erwähnten Findling außerhalb des Platzes trägt nicht mehr die Information, dass der Friedhof 1995 im Einvernehmen mit der russischen Seite „umgestaltet“ wurde, sondern seit dem 8. Mai 2019 eine Tafel mit nunmehr 26 Namen der auf dem einstigen Friedhof begrabenen sowjetischen Toten.¹³ Die Stadt hatte sie dort anbringen lassen, nachdem ihr Antrag vom März 2018 zur Aufstellung einer entsprechenden Namenstafel neben der Stele von der russischen Botschaft abgelehnt wurde, die eine „Einzelgrabgestaltung auch für die unbekannten Verstorbenen (wünschte)“ – also scheinbar mehr erwartete, als die Nennung der Namen auf diesem von Geschichte geräumten Platz – und ein von der Stadt gewünschtes Gespräch nicht zustande gekommen war.¹⁴
Bild
Findling mit den Namen der Identifizierten | Foto: Hans Clemens, 2025
​Dr. Petra Clemens, Kulturwissenschaftlerin
​¹ Aus der Ansprache des Bürgermeisters der Stadt Demmin zur Übergabe des als Kriegsgräberstätte hergerichteten sowjetischen Friedhofs am 6. Mai 1995, in: Nordkurier / Demminer Zeitung vom 8. Mai 1995, S.1. 

² Norbert Buske, Das Kriegsende in Demmin 1945. Berichte, Erinnerungen, Dokumente. Schwerin 1995, S. 5, siehe auch 2. korrigierte Auflage, 2007, S. 6.

³ Eva-Marie Muschik, Selbsttötungen in Neustrelitz gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, in: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern 2/2010, S. 27.

⁴ Petra Clemens, Elke Scherstjanoi, Das Kriegsende in Demmin 1945. Umgang mit einem schwierigen Thema, hrsg. vom Demminer Regionalmuseum 2013; Petra Clemens, Gräber sowjetischer Kriegsgefangener in Demmin, hrsg. von Demminer Regionalmuseum e.V. 2018.

⁵ Nordkurier / Demminer Zeitung vom 23.3.1994.

⁶ Nordkurier / Demminer Zeitung vom 3.6.1994.

⁷ Gespräch mit Stefan Pulkenat am 22.2.2013.

⁸ Denkmalschutzbehörde des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, Akte Barlach-Platz.

​⁹ 
Kenntnis von der Dokumentation und Einsicht in die Unterlagen zu Demmin verdanken wir der Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten Dresden.

​¹⁰ Für diese Dokumente und die darauf aufgebaute Datenbank ist mittlerweile die Deutsche Dienststelle, ehemals Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin zuständig.

​¹​¹ Die Angaben zu Todesursache und Begräbnisort von Iwan Ponomarow wurden der für seine Person neben der Personalkarte mitgegebenen Verlustmeldung des Fliegerhorstes an den Gräberoffizier der Wehrmacht, Wehrkreiskommando II entnommen.

​¹² Unbekannte Mahnmale in unserer Nachbarschaft. Grabstätten sowjetischer Kriegsopfer in Deutschland, hrsg. von Aktion Sühnezeichen Friedensdienst e.V. u.a., 2016.

​¹³ Zu den 21 bekannten Namen kamen fünf neue. Die angegebenen Sterbedaten der Personen liegen zwischen dem 25. und 27. April 1945.

​¹⁴ Aus der Antwort des Demminer Bürgermeisters auf die Anfrage der Autorin, was aus den angekündigten Gesprächen mit den Vertretern des Büros für Kriegsgräberpflege in der russischen Botschaft geworden ist, vom 25. Mai 2020.
0 Kommentare



Antwort hinterlassen

    Autoren

    Alle
    Dr. Elke Scherstjanoi
    Dr. Erika Und Gerhard Schwarz.
    Dr. Petra Clemens

Impressum

Datenschutz

Kontakt

BDWO e.V. © 2025